DESIGN THINKING

Neue Ideen entwickeln und komplexe Probleme lösen

Autor: Steffen Griesel, Business Trainer & Agile Coach 


Die Anfänge von Design Thinking

Mit dem Begriff „Design Thinking“ wurde Anfang der 1980er Jahre ein Forschungsprogramm der britischen Design Research Society benannt, das zum Ziel hatte, die spezielle Arbeitsweise professioneller Designer*innen zu untersuchen. Im Jahre 1992 wurde das Design Thinking Research Symposium (DTRS) ins Leben gerufen. Diese Forschungstagung hat bisher dreizehnmal stattgefunden.

Davon zu unterscheiden ist Design Thinking als Bezeichnung für eine agile Innovationsmethode, die von IDEO, einer 1991 im Silicon Valley gegründeten Design- und Innovationsberatung, entwickelt, angewandt und vermarktet wird. Wissenschaftlich flankiert wird diese Vermarktungsstrategie seit 2005 durch das Hasso Plattner Institute of Design (d.school) an der Stanford University in Palo Alto. Dieses Institut wird von dem IDEO-Gründer, David Kelly, geleitet.

Die Verbindung zwischen beiden Entwicklungssträngen des Design Thinking ist Bill Moggridge, ein weiterer IDEO-Gründer. Er besuchte das erste Design Thinking Research Symposium an der Technischen Universität Delft und brachte von dort einige konzeptionelle Ideen in die von David Kelly entwickelte Innovationsmethode ein, die dann später unter dem Namen Design Thinking bekannt wurde.

Diese agile Innovationsmethode ist in den letzten Jahren sehr populär unter New Worker*innen geworden. Mit Design Thinking lässt sich eine Arbeitsweise verwirklichen, die auf den Punkt bringt, wofür New Work steht: Eine neue Arbeitswelt, in der die Potenzialentfaltung der Mitarbeiter*innen im Mittelpunkt steht. Bei Design Thinking können alle ihr kreatives Potenzial in den Innovationsprozess einbringen.

Ein weiterer Grund für die Popularität von Design Thinking liegt sicher in dem Versprechen, dass sich mit dieser Methode der digitale Wandel und die damit einhergehenden komplexen Probleme lösen lassen. 

Design Thinking bietet dafür eine systematische und strukturierte Vorgehensweise, bei der interdisziplinäre Teams in flexiblen Arbeitsräumen kreative Prozesse in Gang setzen, um Problemlösungen zu generieren und Innovationen zu entwickeln.

Die neue Herangehensweise im Design Thinking zeigt sich besonders klar in der konsequenten Nutzer*innenorientierung. Jeder Innovationsprozess beginnt damit, die Nutzer*innenbedürfnisse zu erforschen. Auch im weiteren Verlauf wird der Prozess durch das Feedback der Nutzer*innen gesteuert.

Neben dem menschlichen Nutzen sind es zwei weitere Komponenten, die im Design Thinking für die Entwicklung erfolgreicher Produkte und Dienstleistungen notwendig sind: Einerseits die technische Machbarkeit und andererseits die wirtschaftliche Marktfähigkeit. 

Nur wenn diese drei Komponenten zusammenkommen, kann eine Idee zu einer erfolgreichen Innovation weiterentwickelt werden. 

Kurz gesagt: Eine Idee führt dann zum Erfolg, wenn wie sie ein Nutzer*innenbedürfnis befriedigt, technisch realisierbar ist und am Markt in Form eines Produkts oder einer Dienstleistung auf rentable Nachfrage trifft.


Erfolgsfaktoren

Über die drei genannten Komponenten hinaus, die eine Innovation ausmachen, gibt es drei Erfolgsfaktoren, die bei Design Thinking eine große Rolle spielen:

Interdisziplinäres Team 

Die Geschäftswelt ist im Zuge der Digitalisierung noch einmal schneller und unübersichtlicher geworden. Deshalb führt kein Weg am interdisziplinären Teamwork vorbei, um komplexe Probleme zu lösen und erfolgreiche Innovationen zu entwickeln. Nicht das Wissen eines*r Einzelnen, sondern die heterogene soziale, kulturelle und fachliche Expertise eines Teams eröffnet neue Perspektiven und erweitert den Innovationshorizont.

Innovationsprozess 

Design Thinking bietet eine Vorgehensweise, mit der ein interdisziplinäres Team den Innovationsprozess systematisch und strukturiert durchlaufen kann. Dieser Prozess setzt sich aus folgenden Phasen zusammen:

  • Verstehen
  • Beobachten
  • Standpunkt definieren
  • Ideen finden
  • Prototypen entwickeln
  • Testen


Für die methodische Ausgestaltung der einzelnen Phasen gibt es keine festen Vorgaben. Das Team ist also frei, sich für solche Arbeitsweisen, Hilfsmittel und Werkzeuge zu entscheiden, die dem Gegenstand angemessen sind.

Variabler Raum 

Design Thinking erfordert während der einzelnen Phasen des Innovationsprozesses einen Arbeitsraum, der sich variabel gestalten lässt und den wechselnden Arbeitsbedingungen Genüge leisten kann. Es sollte ein heller, großer Raum sein, der in erster Linie auf das Teamwork ausgerichtet ist, aber dennoch einen Wechsel von Distanz und Nähe ermöglicht. Möbel und Arbeitsmittel wie z.B. Stehtische, Trennwände oder Whiteboards müssen beweglich sein. Es braucht ausreichend Platz für Präsentationsflächen und das Erstellen der Prototypen.


Mindset

In Forschung und Praxis hat sich gezeigt, dass für die Arbeit mit Design Thinking ein spezielles Mindset der Teammitglieder sehr förderlich ist. Wenn innere Haltung und persönliche Überzeugung mit den grundlegenden Werten korrelieren, die für Design Thinking charakteristisch sind, steigt die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Prozessverlaufs. 

Das passende Mindset umfasst folgende Einstellungen:

  • Design Thinking ist auf den Nutzer fokussiert. Design Thinker*innen denken und handeln daher auf eine am Menschen interessierte und orientierte Art und Weise. Das bezieht sich sowohl auf die Bedürfnisse, Werte und Emotionen als auch das Verhalten eines Menschen. Design Thinker*innen begegnen anderen Menschen vorurteilsfrei, emphatisch und achtsam. 

  • Design Thinking setzt auf interdisziplinäres Teamwork. Design Thinker*innen zeigen daher großes Interessen an den Erfahrungen und Meinungen der anderen Teammitglieder und bringen ihre Kompetenzen, Fähigkeiten und das eigene Wissen gleichermaßen in die Zusammenarbeit ein. Design Thinker*innen sind davon überzeugt, dass komplexe Probleme nur gemeinsam zu lösen sind und schätzen daher die vielfältigen Perspektiven und Potenziale im Team. 

  • Design Thinking strebt nach einer tiefen Durchdringung des Problems. Design Thinker*innen sind daher offen, die verschiedenen Facetten des Problems zu erforschen. Sie sind zugleich neugierig auf alle Entdeckungen, die sie dabei machen und außerdem flexibel genug, sich bei der Suche nach der Problemlösung jederzeit auf eine neue Informationslage einzustellen. 

  • Design Thinking fördert eine positive Fehlerkultur. Design Thinker*innen haben daher keine Angst vorm Scheitern. Im Gegenteil: Sie versuchen das Problem ganz bewußt nicht durch Diskutieren und Abwägen zu lösen, sondern durch Ausprobieren und Testen. Deshalb vollzieht sich der Innovationsprozess im Design Thinking durch iterative Schleifen. Mit jedem Fehler, der beim Experimentieren auftritt und durch jedes negative Feedback auf einen Prototypen, lernen Design Thinker*innen hinzu und kommen der Lösung des Problems ein Stück näher. 

  • Design Thinking löst komplexe Probleme. Design Thinker*innen sind daher mutig genug, sich bei der Lösungssuche auf unsicherem Terrain zu bewegen und unvorhergesehene Ereignisse einzukalkulieren. Sie stellen sich bereitwillig den Herausforderungen der sogenannten VUCA-Welt, die durch volatility (Volatilität), uncertainty (Unsicherheit), complexity (Komplexität) und ambiguity (Mehrdeutigkeit) geprägt ist. Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen sind sie in der Lage, lösungsorientiert vorzugehen.

  • Design Thinking zielt auf disruptive Innovationen ab. Design Thinker*innen sind daher unerschütterliche Optimisten, die an eine bessere Zukunft glauben und gegen alle Widerstände daran arbeiten. Sie sind in der Lage, von der Gegenwart zu abstrahieren und sich für das Morgen völlig neue Lösungen vorzustellen und in konkrete Produkte oder Dienstleistungen umzumünzen.


Innovationsprozess

Bei Design Thinking durchläuft der Innovationsprozess insgesamt sechs verschiedene Phasen. Die ersten drei Phasen (Verstehen, Beobachten und Standpunkt definieren) bilden den Problemraum und sind durch eine eher analytische Arbeitsweise geprägt. Die drei darauffolgenden Phasen (Ideen finden, Prototypen entwickeln und Testen) bilden den Lösungsraum und sind durch eine eher intuitive Arbeitsweise geprägt. 

Die einzelnen Phasen sind iterativ aufeinander bezogen, was dazu führen kann, dass bestimmte Prozessschritte wiederholt werden müssen, wenn sich die Informationslage ändert und eine erneute Bearbeitung erforderlich macht. 

Dieses Vorgehen ist aber nicht zum Nachteil des Prozessverlaufs, sondern für  Design Thinking sogar elementar: Nur wenn die gewonnenen Erkenntnisse und erzielten Zwischenergebnisse unaufhörlich hinterfragt und überprüft werden, kann die beste Problemlösung gefunden werden. 


Phase 1: Verstehen 

Der Prozess startet mit der sogenannten Design Challenge. Die Herausforderung besteht darin, die eigentliche Aufgabe so genau wie möglich zu beschreiben. Dafür ist es zunächst unerlässlich, das Problem zu verstehen. 

Hierzu geht das Team unvoreingenommen an das Thema heran und trägt die verfügbaren Informationen zusammen. Im Anschluss daran formuliert das Team auf Basis des gemeinsamen Problemverständnisses die Aufgabenstellung.
 
Diese Aufgabenstellung gibt eine erste Orientierung, bleibt aber vorläufig: Je präziser das Problem im weiteren Prozessverlauf verstanden wird, desto konkreter lässt sich schließlich die Aufgabenstellung formulieren.
 

Phase 2: Beobachten 

Im nächsten Schritt des Innovationsprozesses schwenkt das Team von der Innen- zur Außenperspektive und versucht das Problem durch die Augen der potenziellen Anwender*innen zu sehen. In dieser Phase geht es darum, so viele Informationen wie möglich über das Problem zu sammeln.

Das lässt sich erreichen, indem Methoden eingesetzt werden, wie sie aus der empirischen Sozialforschung bekannt sind. Dazu gehören beispielsweise die teilnehmende Beobachtung oder qualitative Interviewverfahren.

Auf diesem Wege lassen sich Forschungsdaten generieren, die Auskunft über die Sichtweise potenzieller Anwender*innen geben. Auf Basis der Forschungsdaten lassen sich außerdem Nutzer*innenprofile erstellen.

Phase 3: Standpunkt definieren 

Dank der umfangreichen Daten, die das Team in der Beobachtungsphase über die potenziellen Nutzer*innen gewonnen hat, können jetzt alle Informationen zum Problem gesichtet und gewichtet werden.

Durch den Erfahrungsaustausch im Team und die Auswertung der Daten ergibt sich ein immer klareres Bild von dem, was zukünftige Anwender*innen von der anvisierten Problemlösung erwarten. 

Dadurch lässt sich nicht nur die Design Challenge weiter anpassen, sondern auch ein gemeinsamer Standpunkt, z.B. in Form eines idealtypischen Nutzer*innenprofils definieren, von dem aus das Team in den nächsten Phasen auf Lösungssuche geht. 

Phase 4: Ideen finden 

Ausgehend von dem gemeinsam gefundenen Standpunkt startet jetzt eine Phase, in der so viele Ideen wie möglich generiert werden, um eine innovative Lösung für das Problem zu entwickeln.

Der Ideenfindung sind dabei im Team keine Grenzen gesetzt. Auch zunächst abwegige Vorschläge haben ihre Berechtigung und sind erwünscht. Quantität geht  wie bei einem Brainstorming üblich zunächst vor Qualität.

Erst zum Abschluss dieser Phase, werden alle Ideen geclustert und dann diejenigen  Vorschläge ausgewählt, die nach Meinung des Teams besonders aussichtsreich sind.


Phase 5: Prototypen entwickeln 

Nachdem das Team eine konkrete Vorstellung davon gewonnen hat, wie eine mögliche Lösung für das Problem aussehen könnte, setzt es die ausgewählten Ideen in Prototypen um. 

Es geht also gerade nicht um die akribische Ausarbeitung eines nahezu perfekten Endprodukts, sondern um eine schnelle und provisorische Lösung, mit der die Idee für die Nutzer*innen sinnlich erfahrbar wird.

Für ein Nutzer*innenerlebnis, aus dem Rückschlüsse zur weiteren Entwicklungsarbeit gezogen werden können, reicht erfahrungsgemäß ein aus Bastelmaterial erstellter Prototyp völlig aus. 

Phase 6: Testen 

Wenn ein Prototyp fertig vorliegt, beginnt die Testphase in einer Gruppe potenzieller Nutzer*innen. Das Team beobachtet den Umgang mit dem Prototyp und befragt die Anwender*innen.

Aus den Erfahrungen und Rückmeldungen beim Testen lässt sich ein Stärken-Schwächen-Profil des Prototyps erstellen. Dieses Profil ist der Ausgangspunkt für die nächste Iteration. Frühes und häufiges Scheitern gehört zur Philosophie des Design Thinking und wird durch die Testphase geradezu provoziert. 

Das Team lernt aus Erfahrung und steigt nach der Testphase dort wieder in den Innovationsprozess ein, wo noch Nachholbedarf besteht, um beim nächsten Durchlauf ein Ergebnis zu präsentieren, das dem Nutzer*innenbedürfnis besser entspricht.


Zusammenfassung

  • Design Thinking ist eine agile Innovationsmethode, die in den letzten Jahren sehr populär geworden ist, weil sie u.a. verspricht, den digitalen Wandel und die damit einhergehenden komplexen Probleme zu lösen.

  • Design Thinking bietet dafür eine systematische und strukturierte Vorgehensweise, bei der interdisziplinäre Teams in flexiblen Arbeitsräumen kreative Prozesse in Gang setzen, um Problemlösungen zu finden und Innovationen zu entwickeln.

  • Nach Design Thinking verspricht eine Idee dann Erfolg, wenn wie sie ein Nutzerbedürfnis befriedigt, technisch realisierbar ist und am Markt in Form eines Produkts oder einer Dienstleistung auf rentable Nachfrage trifft.

  • Über diese drei genannten Komponenten hinaus, die eine Innovation ausmachen, gibt es drei Erfolgsfaktoren, die bei Design Thinking eine große Rolle spielen: Interdisziplinäre Teams, ein variabler Arbeitsraum und der Innovationsprozess.

  • Bei Design Thinking durchläuft der Innovationsprozess insgesamt sechs verschiedene Phasen. Die ersten drei Phasen (Verstehen, Beobachten und Standpunkt definieren) bilden den Problemraum und die drei darauffolgenden Phasen (Ideen finden, Prototypen entwickeln und Testen) bilden den Lösungsraum. 

  • In Forschung und Praxis hat sich gezeigt, dass für die Arbeit mit Design Thinking ein spezielles Mindset der Teammitglieder sehr förderlich ist: Design Thinker*innen handeln nutzer*innenfokussiert, arbeiten interdisziplinär, zeigen sich offen und neugierig, haben keine Angst vorm Scheitern, sind mutig in unsicheren Situationen und optimistisch der Zukunft zugewandt. 

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